Verletzungspech in Südafrika

Nun war es endlich soweit, zusammen mit Beni stand ich am Flughafen Zürich. 5 Wochen Bouldern in den Rocklands (Südafrika) lagen vor uns. Südafrika ist in den letzten Jahren zum Mekka der Boulderszene geworden. Einen Grund sind sicher die angenehmen Temperaturen. Während in unserer Region zu dieser Jahreszeit nirgends gute Bedingungen anzutreffen sind, ist es in den Rocklands Winter. Es kann durch den Tag angenehme 20-25° C werden, durch den häufigen Wind ist es im Schatten perfekt um schwer zu klettern.

In Kapstadt angekommen ging es mit dem Mietauto 2.5 Stunden Richtung Norden. Dort trifft man auf ein kleines Dorf namens Clanwilliam, es ist das nächste Dorf zum einkaufen und tanken. Danach geht es noch ca. 25 Minuten, man fährt einen kleinen Pass hinauf und dort beginnt es... Als wir erstmals den Pakhuyspass hinauffuhren, kamen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus! Aus der vorher grünen, eher flacheren Landschaft, kommt plötzlich eine hügelige mit tausenden Felsblöcken übersäte Landschaft zum Vorschein. Worte und Bilder können die Weite und Anzahl an Blöcken kaum beschreiben, man muss es schon selber gesehen haben damit man sich die Dimensionen bewusst wird. Ich konnte es mir vor der Reise nicht genau vorstellen, da so viele Leute nur gutes über diesen Ort erzählten. Nun gehöre ich auch zu den Leuten, es ist unglaublich schön und ein echtes Paradies für Kletterer. Ich habe noch kein vergleichbares Bouldergebiet mit solch einer hohen Dichte an qualitativ, schöner und schwerer Boulder gesehen. Zudem kommt die Landschaft, der rote Sandstein und die Atmosphäre unter den Kletterer hinzu. Das macht das ganze perfekt!

Wir wohnten in einem kleinen Haus aus Stein, simpel aber wir hatten alles was wir benötigten. Ich hatte keine spezifische Projekte im voraus geplant, ich wollte viel klettern und probieren was mir gefällt. Die Projekte ergeben sich dann von selbst ;) Die ersten beiden Wochen vergingen viel zu schnell, wir kletterten jeden Tag in einem anderen Gebiet und wurden immer aufs neue begeistert. Nach zwei Wochen legten wir eine größere Pause ein und fuhren für ein paar Tage nach Kapstadt. Wir wanderten auf den bekannten Tafelberg, waren am südwestlichsten Punkt von Afrika und genossen die kletterfreie Zeit am Meer. Danach waren wir richtig kribbelig endlich wieder Fels zu berühren und konnten es kaum erwarten zurück zu sein. Mittlerweile konnten wir doch schon einige Klassiker auf unser Konto verbuchen und hatten langsam einen Überblick über die vielen Gebiete. So planten wir immer mehr welche Boulder wir noch klettern wollten und gingen nicht mehr einfach „Planlos“ klettern. Es wurde auch Zeit ein größeres Projekt zu suchen. Bis anhin hatten wir so im Schwierigkeitsgrad 7c-8a+ geklettert, so dass wir es meistens in einem Tag klettern konnten. Wir hatten schon einige Videos von „Mooiste Meisie“ 8b gesehen und zudem ist er als Klassiker im Guidbook markiert. Am ersten Tag konnte ich gleich alle Züge einzeln klettern und begann gegen den Schluss des Tages mit ernsthaften Versuchen. Es reichte noch nicht ganz, ich wollte aber so schnell wie möglich wieder zurück. Doch der Boulder beinhaltet so viele Toehooks, dass ich unglaublich müde in den Muskeln am Schienbein war. So legten wir zwei Tage Pause ein, um danach frisch zurück zu kommen. Voller Elan und mit der Erinnerung wie wenig fehlte, kamen wir zurück. Ich begann schnell mit ernsthaften Versuchen und merkte wie ich mir von misslungenem Versuch zu Versuch Druck machte. Ich fiel immer an der gleichen Stelle und bemerkte, dass die Kraft in den Füssen rasant abnahm. Als es dann dunkel wurde, machte ich mir keine großen Hoffnungen mehr. Wir hatten ja auch noch eine gute Woche hier und daher keinen Zeitdruck. So setzte ich noch zu einem letzten Versuch an, mittlerweile mit der Stirnlampe. Und plötzlich gelang mir der Schlüsselzug, ich hatte doch noch etwas Reserve und so konnte ich den Boulder aussteigen. Es war wieder einer dieser schönen Momente die einem so viel geben und ich stand überglücklich mitten in der Nacht in Südafrika auf einem Stein. Ich glaube das können nur Kletterer nachvollziehen ;)

Hier meine Liste mit den schönsten & schwereren Boulder die ich geklettert habe:

  • „Mooiste Meisie“ 8b rp (Riverside)
  • „Shosholoza“ 8a+ rp (Sassies)
  • „Black Velvet“ 8a rp (Far Plateau)
  • „The Hatchling“ 8a rp (Kleinfontain)
  • „Hot Zucchini“ 8a rp (Danger Zone)
  • „Black Mango Chutney“ 7c+ rp (8 day rain)
  • „Pinotage sit“ 7c+ fl (Sassies)
  • „Hole in One“ 7c+ rp (Arch Valley)
  • „When the day breaks sit“ 7c+ rp (Roadcrew)
  • „Kings of convenience“ 7c+ rp (Roadcrew)
  • „Mask Off“ 7c+ rp (The Realm)
  • „Jaws“ 7c fl (Dihedral Boulders)
  • „The Rhino“ 7b+ rp (Rhino Boulders)
  • „Ulan Bator“ 7b+ rp (Roadcrew)
  • „Minki“ 7b fl (Far Plateau)
  • „Finders Keepers“ 7a+ fl (8 day rain)
  • „Girlfriends problem“ 7a fl (Kleinfontain)

Nun kommen wir zur weniger schönen Geschichte. Um die Geschichte richtig zu erzählen, muss ich etwas weiter in die Vergangenheit. Im Training anfangs Jahr, bemerkte ich während dem halten eines Zweifingerloches plötzlich einen ziehend Schmerz im linken Unterarm. Im ersten Moment dachte ich mir nichts dabei und vergas es wieder. Ich trainierte weiter und hatte nie Schmerzen. Als ich erneut ein Zweifingerloch halten musste, machte sich der Schmerz wieder bemerkbar. Es war nicht genau definierbar woher der Schmerz kam, also versuchte ich es zu eruieren. Schnell war klar, wenn ich einen Griff belaste, mit dem Ringfinger als unterster Finger und bei der Kraftausübung eine Drehbewegung ausübte, schmerzte es der Sehne entlang in den Unterarm. Jedoch kommt solch eine extreme Belastung fast nur in Löchern zustande, selten (aber trotzdem wie ich später erfahren musste) auf Leisten und schon gar nicht auf Sloper. Da an Wettkämpfen und allgemein im Training selten bis nie Zweifingerlöcher vorkommen, beachtete ich es nicht weiter da ich ja keine Schmerzen hatte. Trotzdem war es immer da und erinnerte mich daran, sobald ich ein Loch halten musste. So schilderte ich es nach dem ersten World Cup dem Physiotherapeuten. Er fand nichts beunruhigendes und zeigte mir wie ich den Ringfinger mit dem Mittelfinger tapen kann um ihn etwas zu entlasten. So fuhr ich mit dem Training weiter und machte mir auch keine großen Gedanken mehr darüber. Bei so vielen Trainings ist es nicht unnormal ab und zu irgendwo Schmerzen zu haben, meistens verschwindet es aber nach kurzer Zeit wieder. Auf der Reise Japan/Amerika bemerkte ich den Schmerz wieder intensiver, manchmal auch wenn ich noch nicht ganz aufgewärmt war. So legte ich auch deshalb in den zwei Wochen vor Südafrika eine Pause ein und war kaum mehr an den Griffen. Ich erzählte es noch einem weiteren Physiotherapeuten, um noch ein paar Typs für die 5 Wochen in den Rocklands einzuholen. Nach einer Massage des Unterarms, der unüblich verspannt war, fühlte ich so gut wie keinen Schmerz mehr. Die zwei Wochen Pause waren sicher auch nicht das dümmste. So kamen wir zum Schluss, während dem Klettern den Unterarm zu tapen. Wenn der Schmerz nach den Ferien immer noch besteht, ist ein Besuch beim Spezialisten sicher angebracht. Mittlerweile hatte ich die Schmerzen doch schon über eine längere Zeit und ich wollte auch wieder komplett alle Griffe halten können. So ging es also in die Ferien und ich hatte keine Schmerzen mehr. Dazu muss man auch sagen, dass man dort auch so gut wie nie Löcher vorfindet. Erst als ich Ende der dritten Woche den Boulder „Barracuda“ versuchte, bemerkte ich bei einer seitlichen zu belastenden Leiste den Schmerz wieder. Nach einigen Versuchen brach ich ab da es dunkel wurde und ich müde war. Wir kletterten die folgende Woche in anderen Gebieten und ich tapte den Unterarm vorsichtshalber wieder vermehrt. Als wir dann noch gut eine Woche vor uns hatten, machten wir uns Gedanken welche Boulder wir unbedingt noch klettern wollten. Bei mir stand natürlich „Mooiste Meisie“ zuoberst auf der Liste. Je nach dem wie schnell es klappen würde, wollte ich aber auch die vorhin erwähnte Hammerlinie „Barracuda“ nochmals versuchen. Und wie ihr wisst, konnte ich „Mooiste Meisie“ relativ schnell abhacken und am Folgetag passierte es leider... Wir waren wieder bei „Barracuda“. Nach dem Aufwärmen sahen wir noch einen weiteren Klassiker. „Black Mango Chutney“, ein Boulder mit ultra kleinen Leisten. Beni kletterte ihn sehr schnell und ich hatte meine mühe damit. Weil die Linie so schön war, wollte ich ihn unbedingt klettern bevor ich zu meinem eigentlichen Projekt ging. Im nachhinein kann ich sagen, dass dies der Anfang zum Unglück war. Bei einer dieser Mikroleisten hatte man eine lange Haltezeit und musste sich von links nach rechts durchschieben. Dadurch entsteht genau diese Drehbewegung in den Fingern. Ich hatte dabei keine Schmerzen, ich bemerkte lediglich, dass ich extrem mühe hatte die Leiste aufzustellen. Was sonst eigentlich einer meiner Stärken ist, führte ich auf das Klettern des letzten Tages zurück und dachte ich sei einfach etwas müde. Bis es endlich klappte und weiter gehen konnte, investierte ich etliche Versuche. Dadurch machte ich diese Bewegung sicher ein dutzendmal und denke, dass dies den gereizten Finger zusätzlich vorermüdet hat. Ich legte keine große Pause ein, da wir nach meinem Projekt noch weiter wollten und der Tag schon ziemlich fortgeschritten war. Beim vierten Versuch war ich wieder auf dieser Leiste mit der seitlichen Belastung, Schmerzen hatte ich jedoch keine. Ich fing an mich aufzudrücken und plötzlich rutschte ich begleitet von einem lauten Knall von der Leiste. Ich lag auf der Matte und wusste nicht was passiert war. Ich hatte keine Schmerzen, die Finger fühlten sich nur etwas taub an. Es passiert öfters, dass man abrutscht und sich die Finger durch den Schnall kurz etwas taub anfühlen. Nach einigen Minuten erholten sie sich, bis auf den Ringfinger. Ich wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. An diesem Tag kletterte ich nicht mehr und gab mir Zeit den ersten Schock zu verarbeiten. Als ich mir am Abend dann etwas Zeit nahm um den Finger genauer abzutasten, realisierte ich schnell, dass es wohl wirklich etwas ernsteres ist. Im vergleich zum selben Finger an der anderen Hand, fühlte ich wie die Sehne viel freier verlief. Ich schrieb sofort eine Email an den vom Verband empfohlenen Spezialisten. Er verstärkte meine Vermutung eines Ringbandrisses, konnte aber natürlich keine genaue Diagnose via Email machen. so musste ich warten bis ich Zuhause war. In der letzten Woche wollten wir nochmals nach Kapstadt fahren und erst am Schluss für 4 Tage nochmals zurückkehren. So war mir in den ersten Tagen nicht bewusst was diese Verletzung mit sich ziehen würde, da wir nicht kletterten. Wir verbrachten nochmals Zeit am Meer und ich dachte kaum daran. Als wir für die letzten Tage zurückkehrten, hatte ich noch einen Termin bei der Physio vor Ort. Sie hat natürlich viel mit Kletterer zu tun und ich wollte wissen ob ich trotzdem noch einwenig klettern darf. Sie meinte, dass das Ringband evtl. nicht ganz gerissen ist und ich mit Tape leichte Sachen bis kurz vor den Schmerz klettern kann. Dies gab mir die kleine Hoffnung, dass die Saison evtl. doch nicht ganz vorbei ist. Viel kletterte ich nicht mehr, ich wollte auch nichts verschlimmern. Einen Boulder wollte ich aber unbedingt noch klettern! „Rhino“ ist wohl der bekannteste Boulder und außerdem nicht an meinem Limit. So hatte ich die Hoffnung eine Lösung zu finden ohne den Finger groß zu belasten. Ich fand tatsächlich eine schmerzfreie Methode und hatte somit einen super Abschluss der Ferien. Trotz dieses Zwischenfalls blicke ich auf 5 super Wochen zurück und ich werde bestimmt nicht das letzte mal dort gewesen sein.

Zurück in der Realität ging ich sofort zum Arzt. Dr. Schweizer der Uniklinik Balgrist klettert selber und ist daher die erste Ansprechperson bei Fingerproblemen. Für mich gab es leider keine guten Nachrichten. Das Ringband A2 ist leider ganz gerissen. Die Saison ist für mich vorbei, der World Cup in München und die WM in Innsbruck wofür ich mich qualifiziert hatte, werde ich nun als Zuschauer mitverfolgen. Ich wurde bis anhin von Verletzungen verschont und dies ist nun etwas ganz neues für mich. Ein Ringbandriss muss nicht operiert werden, dauert aber bis zu 6 Monaten bis man wieder 100% kleine Griffe aufstellen kann. Ich habe nun eine kleine Schiene, damit die Sehne zurück an den Knochen gedrückt wird und das Band wieder zusammenwachsen kann. Im ersten Monat darf ich noch nicht an die Griffe, im Alltag kann ich aber fast alles machen.

Es wird ein langer Weg der Reha. Ich kann aber glücklicherweise schnell wieder klettern, die Steigerung der Belastung wird aber in kleinen Schritten vorangehen. Ich versuche das ganze positiv zu sehen, ich konnte diese Saison schon viele Wettkämpfe machen und in Südafrika ist der Unfall erst am Schluss passiert. Wenn alles gut verläuft, bin ich auf nächste Saison wieder zurück. Das ganze passt irgendwie zu meiner bisherigen Saison, das war wohl noch das Tüpfelchen auf dem i. Ich hatte nun viel freie Zeit um über mich und den Sport nachzudenken. Ich stellte mir die Frage wie es weitergehen soll nach so vielen Enttäuschungen und nun diese Verletzung. Einen Monat nicht zu klettern hat mir gezeigt was ich wirklich will. Alles hat sich klar ergeben und ich weis nun, meine Zeit ist noch lange nicht vorbei, ich werde kämpfen um meine Ziele zu erreichen. Ich sehe es als eine Chance, sozusagen ein kleiner Neustart. Ich bin motivierter den je und bin jetzt alles am planen. Jetzt habe ich die Chance früh mit dem Aufbautraining zu beginnen und außerdem habe ich meinen fertigen Trainingsraum der genau meinen Bedürfnissen angepasst werden kann! Ich bin guter Dinge stärker aus dieser Verletzung zurückzukommen!!! #comebackstronger

Ich werde Euch auf dem laufenden halten ;)

HIER geht es zu den Fotos von Südafrika

categories: bouldern, outdoor, 2018

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Published on: 25 August 2018
Posted by: Kevin Heiniger